Wie alles begann – Die Geschichte von SOR-SMC

Eine europäische Idee macht Schule

218px-Flag_of_Europe.svg„Schule ohne Rassismus – Schule mit Courage“ ist ein Projekt von und für Schülerinnen und Schüler, die gegen alle Formen von Diskriminierung, insbesondere Rassismus, aktiv vorgehen. Sie leisten damit ihren Beitrag zu einer respektvollen, friedfertigen, demokratischen Gesellschaft.

Der Bonner Verein Aktion Courage e.V. initiierte das Projekt im Jahre 1995 und reagierte damit auf eine Welle rassistischer und rechtsextremistisch motivierter Gewalt zu Beginn der Neunzigerjahre in Deutschland.

Viele Jugendliche wollten dagegen etwas unternehmen, zeigten jedoch eine kritische Distanz zu etablierten gesellschaftlichen Großgruppen wie Parteien, Kirchen oder Gewerkschaften. „Schule ohne Rassismus“ bot ihnen einen alternativen Organisationsrahmen. Ohne langfristige Bindungen an Einrichtungen der Erwachsenenwelt eingehen zu müssen, fanden Kinder und Jugendliche unmittelbar in ihrem Schulalltag die Möglichkeit, ihren Beitrag zur Verfestigung einer demokratischen Alltagskultur und zur Entwicklung von ethischen Werten und Normen zu leisten. „Schule ohne Rassismus“ ist heute eine europäische Jugendbewegung.

Die Ursprünge in Belgien

Die Ursprünge des Projekts liegen in Belgien. Um dem damaligen Erstarken des rassistischen „Vlaams Blok“ ihre demokratische Haltung entgegenzusetzen, gründeten im Jahre 1988 Schülerinnen und Schüler gemeinsam mit Lehrkräften die Aktion „Ecoles sans Racisme“. Diese spontane Idee überzeugte, wurde von Organisationen in anderen Ländern aufgegriffen und ihren jeweiligen Strukturen angemessen umgesetzt. Heute gibt es nationale Koordinierungsstellen in Belgien (1988), in den Niederlanden (1992), in Deutschland (1995), in Österreich (1999) und in Spanien (2002). Schulen aus Italien, Frankreich und der Schweiz zeigen ebenfalls großes Interesse. Gemeinsam ist „Schule ohne Rassismus“ in allen beteiligten Ländern die Grundidee, dass sich Schulen auf nationaler Ebene zu einem Netzwerk zusammenschließen und dazu verpflichten, aktiv gegen Rassismus vorzugehen. Über diese Grundidee hinaus ist die Umsetzung in den einzelnen Ländern recht unterschiedlich. So können die nationalen Besonderheiten der Schullandschaft, der politischen und föderalen Strukturen angemessene Berücksichtigung finden.

Die nationale Koordination erfolgt unabhängig und in eigener Verantwortung.

Koordinieren, Vernetzen und Unterstützen

Ausgehend von Bonn, entstanden in Deutschland die ersten „Schulen ohne Rassismus“ in Nordrhein-Westfalen und Niedersachsen. Anfang 2001 übernahm die Pädagogin Sanem Kleff, Vorstandsmitglied von Aktion Courage, die Leitung. Sie installierte die jetzige Projektstruktur mit der Bundeskoordination in Berlin. Die Geschäftsstelle beurkundet die Titelvergaben, versendet die Schulschilder, vernetzt die Akteure länderübergreifend in bundesweiten Treffen und Seminaren, erstellt Publikationen, benennt die Landeskoordinationen und koordiniert die Arbeit der Schulen länderübergreifend. Die Landeskoordinationen sind in den Bundesländern bei sehr unterschiedlich strukturierten Trägern angesiedelt. Sie begleiten die Schulen standortnah und nachhaltig. Ein Netz von derzeit über 150 überregionalen, regionalen und kommunalen Kooperationspartnern begleitet die Schulen inhaltlich bei der Umsetzung ihrer Projektideen.

Der Projektname „Schule ohne Rassismus“

Der europäische Projektname „Schule ohne Rassismus“ wurde in Deutschland 2001 um den Zusatz „Schule mit Courage“ ergänzt. Der Titel macht deutlich, dass die Schülerinnen und Schüler ihr Engagement nicht darauf begrenzen, gegen vorhandene Diskriminierungen vorzugehen, sondern dass sie sich couragiert und kreativ für die Einhaltung der Menschenrechte einsetzen. Dies betont, dass sich der Projektansatz gegen alle Formen von Diskriminierung, gegen alle totalitären und menschenverachtenden Ideologien richtet. „Schule ohne Rassismus – Schule mit Courage“ versteht sich als parteiunabhängiges Projekt. Persönlichkeiten aus allen demokratischen Parteien, aus Sport, Kunst und Medien übernehmen Patenschaften für Courage-Schulen und unterstützen das Anliegen der Kinder und Jugendlichen. SOR–SMC hat sich inzwischen zu einer handlungsstarken, demokratischen Jugendbewegung entwickelt und bildet heute das größte Schulnetzwerk in Deutschland. Ende 2010 trugen 843 Schulen den Titel.

Engagement fördern und Kompetenzen stärken

Die Schuljahre sind ein sehr prägender Zeitabschnitt im Leben eines jeden Menschen, der nicht allein für die Entwicklung von Sach- und Fachkompetenzen, sondern ganz besonders zur Stärkung sozialer Kompetenzen und ethischmoralischer Haltungen genutzt werden sollte. Ob es gelingt, das Verantwortungsgefühl und die Empathiefähigkeit der Schülerinnen und Schüler zu entwickeln, hängt von den Erfahrungen ab, die sie in der Schule machen. Ziel des Projekts ist es deshalb, dazu beizutragen, den Schulalltag so zu gestalten, dass ein Klima der gegenseitigen Anerkennung und des Respekts vor individuellen Eigenheiten selbstverständlich mit der gemeinsamen Suche nach verbindlichen Normen einhergeht. Das lässt sich nicht über ministerielle Vorgaben und Lehrpläne von „oben“ verordnen. Das kann nur erreicht werden, wenn alle Schulmitglieder diese Haltung vertreten. Die Kinder und Jugendlichen werden im Projekt zur aktiven Zusammenarbeit mit ihren LehrerInnen, SozialpädagogInnen und weiteren MitarbeiterInnen an der Schule angeregt. Sie bieten ihnen wertvolle Unterstützung bei der Realisierung der Vorhaben. Doch nicht sie bestimmen die Inhalte und Aktionsformen, sondern die Schülerinnen und Schüler. Die für das Gelingen der Aktionen unverzichtbaren Erwachsenen müssen dabei eine für sie manchmal ungewohnte Rolle einnehmen. Das Netz der Landeskoordinierungen begleitet und unterstützt sie dabei.

Der Projektansatz SOR-SMC

Der Projektansatz von SOR–SMC schreibt den Schulen ausdrücklich kein verbindliches, einheitliches Curriculum vor, sondern versteht sich als einen Rahmen, der den selbstbestimmten Initiativen der Schulen größtmögliche Freiheiten einräumt. Die Botschaft an die Aktiven ist: Greift Themen aus dem Bereich der Menschenrechte auf, die euch interessieren, entwickelt eigene Vorschläge für geeignete Aktivitäten und setzt diese mit Unterstützung des Netzwerks um. Die Veranstaltungen der Koordinierungsstellen und -partner sind nicht immer in den Regelunterricht eingebunden, sondern fi­­­nden oft im Rahmen außerschulischer Veranstaltungen statt. Hierbei geht es ausdrücklich darum, Sach- und Fachwissen nicht nur kognitiv zu vermitteln, sondern immer mit sozialer und praktischer Erfahrung zu verknüpfen.

Bei den Bundesseminaren zum Thema „Recherchieren, Redigieren und Schreiben“ zum Beispiel entwickeln die Teilnehmerinnen und Teilnehmer nicht nur theoretisch ihre Recherche- und Schreibkompetenzen, sondern sie erstellen am Ende auch eine „richtige“ Zeitung: die jährlich erscheinende Q-rage. Sie eignen sich sowohl Qualifikationen für ihren künftigen beruflichen Werdegang an als auch Kompetenzen für ihre ­­­­­­­­­Rolle als mündige Bürgerinnen und Bürger.